BERNHARD ROETZEL - DER GENTLEMAN UND SEIN STIL

Stil-Ikone Bernhard Roetzel über klassische Herrenmode, britische Eleganz und seinen zeitlosen Ratgeber „Der Gentleman“.

Bernhard Roetzel, Autor des Klassikers „Der Gentleman“, ist eine Koryphäe für klassische Herrenmode und britische Eleganz. Im Gespräch erzählt er von seinen Stilvorlieben, Trends und der Bedeutung von Maßkleidung.

Der feine Blick für Stil

„Ich war in Hamburg zu Gast auf einer Adelshochzeit und erstaunt, fast nur schlechtsitzende Anzüge zu sehen. Es gibt viele Menschen, die einfach keinen Sinn für Ästhetik haben.“ Mit dieser Beobachtung startet Bernhard Roetzel das Gespräch – ein Experte, der seit Jahrzehnten als Koryphäe der klassischen Männermode gilt. Seine Einschätzungen zu Stilfragen haben Generationen beeinflusst, seit sein Buch „Der Gentleman. Handbuch der klassischen Männermode“ in den 1990er-Jahren erschien. Roetzel ist nicht nur Autor, sondern auch Berater und „Bespoke Coach“, der individuelle Ansprüche und modische Perfektion vereint.

London Style – Die Magie der britischen Eleganz

Roetzels Liebe zur Mode entfachte früh: „Prince Charles und die Savile Row haben mich magisch angezogen“, erzählt er. Inspiriert von alten Filmen und der Ivy-League-Ästhetik, begann er, den britischen Stil nachzuahmen. „Ich habe schnell den Wert von Qualität verstanden, das Tragegefühl macht einen Unterschied.“ Sein Studium und seine Arbeit als Werbetexter prägten ihn ebenso wie die deutsche Modekultur der 1970er-Jahre, die er als eher schlicht beschreibt: „Krawatte und Anzug – ohne offensichtliches Interesse an Mode.“

Comfortable – Stilvoll und entspannt

Auf die Frage nach seiner Alltagskleidung antwortet Roetzel pragmatisch: „Einen Jogginganzug besitze ich nicht, selbst mein Vater hatte nie einen.“ Stattdessen setzt er auf Cordhosen, Lambswool-Pullover und Jagdwesten – bequem, aber mit Stil. „Es geht um den Look, der über die Angeberei hinausgeht.“ Stücke von Ralph Lauren oder handgemachte Schuhe aus München gehören zu seinen Favoriten. Dabei bleibt er authentisch: Seine Familie, darunter fünf Kinder, lebt in einem ländlichen Umfeld, was praktische, aber stilvolle Kleidung erfordert.

What to Wear in Fall – Der Herbstlook

„Im Herbst trage ich Tweed-Sakko, Strickjacke, Cordhose und Norwegerschuhe“, beschreibt Roetzel. Seine Hemden lässt er in Wien maßschneidern, und Krawatten bevorzugt er hochwertig und handgemacht. „Die Krawatte wird wieder mehr zum Trend – nicht aus Zwang, sondern aus Interesse am guten Stil.“ Sein Rat an junge Männer: „Mindestens ein Oberhemd oder Polohemd mit Kragen sollte Pflicht sein, um angezogen zu wirken.“ Damit spricht er eine Einladung aus, sich modisch weiterzuentwickeln.

Man zieht sich für sich selbst gut an, aber auch aus Respekt dem anderen gegenüber. Stil-Legende Bernhard Roetzel

Bespoke Culture Austria – Maßgeschneiderte Eleganz

„In Deutschland ist die klassische Mode rückläufig“, so Roetzel. Sportswear habe hierzulande die klassische Kleidung verdrängt. In Ländern wie Großbritannien oder Österreich hingegen ist die Maßschneiderkultur lebendig geblieben. Besonders Wien schätzt Roetzel für seine gut angezogenen Männer: „Dort liegt ein starker Fokus auf handgefertigter Kleidung und Tradition.“ Diese Unterschiede zeugen von einer unterschiedlichen Wertschätzung für Ästhetik in Europa.

Next Generation – Junge Leser:innen und ihr Stil

Roetzel hat eine jüngere Leserschaft, als viele vermuten: „Die meisten meiner Leser:innen sind zwischen 15 und 25 Jahre alt.“ Einer seiner Söhne zeigt bereits Interesse an klassischen Kombinationen, während der Älteste den italienischen Vintage-Stil bevorzugt. „Ich lasse ihnen die Freiheit, ihren eigenen Stil zu finden – Kreativität ist entscheidend.“ Roetzel plädiert dafür, Mode als Ausdruck der Persönlichkeit zu nutzen und sich nicht in Konventionen zwängen zu lassen.