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STUNDE NULL - ZERO HOUR

Mit der neuen Realität, die die Corona-Krise geschaffen hat, sollten wir uns nicht bloß abfinden, findet Claudio Montanini. Wir sollten den Neustart auch als Chance nutzen, uns neu zu erfinden. Vielleicht sogar in einer besseren Version 4.0. Wendepunkt. Geht es wieder aufwärts? Wie sieht die Welt nach Corona aus? Nach dem Re-Start, der noch unter Beobachtung steht. Weil die zweite Welle kommen könnte, wie bei einem Tsunami, nur schlimmer als die erste? Doch wovor fürchten wir uns wirklich? Nach exogenen Schocks in Folge von Naturkatastrophen, Kriegen, Terrorakten verändert sich (die Sicht auf) die Welt. Der Mensch lernt und ändert sich. Nach der Starre folgt Bewegung. Aus der Asche neues erschaffen. Sowie die Trümmerfrauen nach dem zweiten Weltkrieg, die Amerikaner nach 9/11, die Japaner nach Fukushima und zuletzt die Australier nach den verheerenden Buschbränden. Mit dem Unterschied: Corona betrifft alle.

Wenn es Schwarmintelligenz gibt, sind wir gut beraten, gleichzeitig und gemeinsam umzusteuern. Unsere Systeme korrigieren oder zumindest justieren. Wir brauchen ein neues Koordinatensystem für Wirtschaft, Bildung und Gesundheit. Einen Kompass fürs Leben, der klar anzeigt, wo jetzt Norden ist. Und gleichzeitig die Richtung weist für Themen wie Klimawandel, Ernährung, Rohstoffmangel, Überbevölkerung und soziale Spannungen.

Herzlich Willkommen in der neuen Realität. Nein, wir sind nicht die Dinosaurier der Neuzeit. Wir erfinden uns neu. Ob mit oder ohne Corona. Wir sind geboren, um zu leben – nicht um nur zu überleben. Gesichtstextilien gehören jetzt zur Garderobe wie Sonnenschutzfaktor 50 zum Badeurlaub. Geht nicht anders. Polynesier sind auch nicht glücklicher als Inuits. Jedes Ökosystem fordert heraus.

Zur neuen Realität gehört, dass Händeschütteln und Küsschen links, Küsschen rechts bis auf Weiteres nicht opportun sind. Die Asiaten waren uns da – wie bei den Masken – voraus. Dafür ist New Work angesagt, mit dem Office dort, wo man sich gerade aufhält. Immer erreichbar, aber nicht immer zu sprechen. Aufgelockert durch Fitness, Good Food und Homeschooling. Aus leeren Büros werden Co-Living-Spaces und das Fahrrad, mit und ohne Akku, erlebt eine Renaissance. Das Badehandtuch als Platzhalter auf dem Liegestuhl hat ausgedient. Harz und Heide sind auch schöne Urlaubsziele. Die Lufthansa mustert alte Jets (damit CO2) aus und fliegt künftig eher Lang- als Kurzstrecke. Eine Steilvorlage für die Bahn und autonom fahrende Autos. Geisterspiele sind bis auf Weiteres keine Bestrafung für Fankrawalle, sondern besser als gar kein Fußball. Go local ist die Antwort auf global. Denn Spargel vom hessischen Acker schmeckt besser als aus Übersee. KI und 3D-Drucker geben der Industrie neuen Schub. Und Pillen kommen bitte nicht nur aus USA, China und Indien. Null heißt Neustart. Warum sollte der nicht gelingen?