MY HOME IS MY ART COLLECTION

1890 lässt sich ein Frankfurter Wurstfabrikant ein herrschaftliches Stadthaus im Stil der Neorenaissance bauen. Die heutigen Besitzer, die das Haus aus einem längeren Dornröschenschlaf holten, gewährten THE FRANKFURTER private Einblicke. Ein Hausbesuch zwischen Kaisers Zeiten und Kunstrausch.

Das Haus blinzelte. Nach einem Jahrhundert im Fahrwasser schläfriger Gewohnheit stand eine Familie mit einem Kind auf dem Arm vor der Tür. Die Eigentümer, selbst im Haus aufgewachsen, wünschten sich ausdrücklich junges Leben für den betagten Koloss, der zum Verkauf stand. Der Altbau hatte Glück, aus dem Bestand wurde kein rüde parzelliertes Investorengold, sondern dank der Weitsicht der jungen Käufer ein warmherziges Wohngebilde, ein Kunstraum und zeitgenössischer Salon.

OLD STATUS SYMBOLS

„Jeder schätzt das Haus von außen kleiner ein“, bestätigt die Familie unseren ersten Eindruck. Die Südfassade ist spätgründerzeitliches Understatement, vergleichsweise unauffällig. Hohe Bogenfenster betonen die Beletage. Innen tobte sich auf den großzügigen Etagen der Geldadel eines Fabrikanten mondän aus. Entworfen wurde das Haus von Fritz Kaysser, dem Architekten des Zoo-Gesellschaftshauses. Erhalten geblieben ist aus dieser Zeit ein altdeutsch dekorierter Kachelofen, ein Statussymbol, das früher in keiner großbürgerlichen Wohnstube fehlen durfte. Ungeachtet dessen besaß das Haus bereits eine moderne Heißluftheizung, auch Gasbeleuchtung war vorhanden. Charmant ist der noch original verglaste Wintergarten von 1890 und der Blick in den hinteren parkähnlichen Garten, in dem wir eine Bande Eichhörnchen Nachlaufen spielen sehen.

IMPRESSIVE ART COLLECTION

Es ist ein Haus zum Wohnen, aber genauso, wie kann es bei einer mit Verve Kunst sammelnden Familie anders sein, ein Haus für die Kunst. Und das seit mehr als zwanzig Jahren. Blick- und Lichtachsen strecken die ohnehin großen Räume beachtlich ins Galerieformat – gefühlt sind sie so weit wie die zeitgenössische Kunstwelt. Gesammelt wird ohne spürbares Kunstmarktkalkül. Die Werke müssen reizvoll korrespondieren und die Klaviatur der markanten Achsen und Nischen unterstreichen. „Die Werke unterhalten sich gewissermaßen, es ist ein spürbarer Dialog“, sagt der Hausherr. Zahlreiche bekannte Namen hat die Familie unter ihrem Dach versammelt, von Tobias Rehberger (ein pinker „Felsbrocken“ mit integriertem Aschenbecher; ein fabelhafter Hingucker neben dem historischen Flügel) über Stefan Rohrer (eine seiner unverwechselbaren, gestreckt-gestauchten Modellauto-Wandarbeiten) bis hin zu Stefan Wewerka’s knallrotem „Classroom“-Chair, der mit rechtwinkligen Gewissheiten aufräumt. Beachtliches Gewicht erhält die Sammlung auch durch wichtige Werke von Andreas Slominski, Anne Imhof, Alicja Kwade, Jorinde Voigt und Herbert Brandl. Mit ihnen ist die Familie persönlich gut bekannt.

Die Atmosphäre im Haus wird immer wieder anders durch Skulpturen, Wandbilder und Installationen akzentuiert, doch rein dekorativ ist diese Kunst nicht. An Wänden, in Ecken und Fluchten will sie necken, auch klug provozieren und vor allem immer wieder überraschen. Nein, keiner lagert seine Winterreifen im Entrée. Vielmehr ist es eine Skulptur des Bildhauers Arcangelo Sassolino, der, bezogen auf den italienischen Futurismus, physikalische Phänomene wie Geschwindigkeit und Schwerkraft veranschaulicht.

UPSTAIRS, DOWNSTAIRS

„Der Altbau hielt erhebliche Überraschungen bereit“, erinnert sich die Familie an Schäden und Eigentümlichkeiten. Der Dachboden zum Beispiel. Heute eine Bibliothek, gemütliches Zigarren-Refugium mit Bollerofen und Zeitkapsel für persönliche Erinnerungen. Nur zwei kleine Fenster gab es, „und wenn es regnete, tropfte es durchs Dach“. Mit Feingefühl und konservatorischem Respekt vor dem Bestand ließ die Familie den Dachboden ertüchtigen und nach ihren Bedürfnissen loftartig umbauen. Highlight geworden ist ein für Alt-Frankfurt typisches „Belvederchen“, eine Mischung aus Dachgarten und begehbarem Ausguck, hier zugänglich über eine raffinierte Stufenkonstruktion. Überall im Haus sind noch Details und Einbauten vorhanden, die typisch sind für Villenbauten in der Kaiserzeit, die die „Smart Homes“ ihrer Zeit waren. So führt durchs ganze Gebäude nicht nur ein Licht- und Luftschacht (zu dem sich früher die Fenster der winzigen Etagen-Toiletten hin öffneten), sondern auch der in einen Mauerschacht installierte Speiseaufzug, den die Familie wieder freilegte und in Betrieb nahm. Letzterer ist Zeugnis für die repräsentativen Verpflichtungen an die auch ein wohlhabender Wursthersteller denken musste. „Die Dienstboten wohnten nicht im Haus“, erfahren wir beim Erkunden von deren ehemaligen Arbeits- und Aufenthaltsräumen, gelegen in einer erstaunlich hohen Souterrain-Etage und einem darunterliegenden Vorrats-Tiefkeller (heute ein gut sortierter Weinkeller!). Upstairs, downstairs. Ohne eine Schar von „Domestiken“ war ein solch großes Haus nicht standesgemäß zu führen. In einer Großstadt wie Frankfurt gab es in der Belle Époque Tausende von ihnen.

SALON CULTURE

Von Standesdünkel oder dergleichen ist bei den heutigen Eigentümern rein gar nichts zu bemerken. Sie führen ein offenes Haus und sind leidenschaftliche Gastgeber. Die alte Salonkultur ist ihr Vorbild, regelmäßig laden sie illustre Gäste aus Frankfurts Kunst- und Kulturszene im kleinen Kreis ein. „Durchdacht“, sagt der Hausherr häufig beim Rundgang. Das hat er vielleicht mit dem damaligen Architekten gemeinsam. Denn das repräsentative Haus war höchst neuzeitlich durchdacht. „Schauen Sie, die Jalousie lässt sich seitlich in die doppelschalige Fassadenwand schieben, heutzutage wäre das ein viel zu aufwändiger und vor allem teurer Einbau“, demonstriert der Hausherr die immer noch intakte Finesse.

THOUGHTFUL MAKEOVER

Die Innenräume haben das überladene und oft düstere Dekor der Gründerzeit abgelegt. Heute entfaltet das Haus allein durch das durchgängige Weiß bereits eine ungeheure Wirkung. Integriert sind funktional und ästhetisch sehr eigenständige neue Detaillösungen, bis hin zum passenden Lichtdesign, das etwa über dem großen Esstisch die Idee vom Lüster radikal reduziert und punktuelle Lichtkegel setzt. Bauhausstühle und anderes ikonisches Mobiliar des 20. Jahrhunderts fügen sich neutral ein in die unkomplizierte private Wohnatmosphäre.

A STAGE FOR LIGHT

Das Treppenhaus ist eine Erscheinung. Mit jedem Schritt öffnet es sich etwas mehr zum Licht. Architekt Kaysser verstand die hohe Kunst der Inszenierung auch bei Wohnhäusern. Und die heutigen Besitzer verstehen die Inszenierung von Kunst. So fügt sich eines zum anderen. Alles ist Lichtjahre von der großbürgerlich-schwermütigen Ausstattung entfernt, mit der sich der Fabrikant, der Frankfurter Würstchen in Dosen weltweit exportierte, genau wie seine Zeitgenoss:innen umgab. Jetzt ist durch und durch Licht im Haus.