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GREEN RISES

COVER STORY

Wie wollen wir leben? Vor allem jetzt in der Corona-Pandemie, aber auch durch die globale Klimaerwärmung erfahren wir, wie wichtig Parks, Bäume und Grünflächen für die Lebensqualität in der Stadt sind. Wie man in Frankfurt mit spannenden Projekten das Urban Green vorantreibt, und das übrigens schon seit 150 Jahren, ist Thema unserer THE FRANKFURTER Cover-Story, für die wir auch internationalen Vorzeigeobjekten "aufs Dach" steigen.

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GREEN BOULEVARD IN PARIS

Als im Januar 2021 die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo ankündigte, dass die Arbeiten für den "außergewöhnlichen Garten" auf den Champs-Élysées noch in diesem Jahr beginnen würden, ging ein Bild um die Welt, das die Prachtstraße vom Place de la Concorde zum Arc de Triomphe hinauf als grüne Flanieranlage erscheinen ließ.

Paris ist nur ein Beispiel von Metropolen weltweit, die den Klimawandelfolgen mit einer stärkeren Begrünung begegnen und so vor allem die Erwärmung reduzieren wollen. Denn die Städte heizen sich viel schneller auf als Orte auf dem Land. Das liegt am wärmespeichernden Effekt von Asphalt und Beton. Vermehrt entstehen so Hitzeinseln die selbst nachts nicht mehr abkühlen.

Die vergangenen Hitzesommer haben uns dies bereits vor Augen geführt. Prognosen zeigen auf, dass einige Metropolen im Jahr 2100 bis zu acht Grad Celsius wärmer als heute sein könnten.

FRANKFURT - THE CITY AS A "SPONGE"

Und Frankfurt dürfte hier ganz vorne liegen. 2018 erhielt die Stadt die Auszeichnung "wärmste Stadt Deutschlands" - ein "bittersüßer Titel", wie das Umweltamt Frankfurt resümiert. Stadtgrün soll aber auch gegen weitere Folgen des Klimawandels wie Starkregen sowie Winde helfen - und zunehmend gegen Lärmbelästigung und Feinstaubverschmutzung. Unter dem Leitmotiv der "Schwammstadt" soll das Grün Wasser aufsaugen und bei Bedarf abgeben. Und seit vergangenem Jahr kommt ein weiterer entscheidender Aspekt hinzu: Durch die Corona-Pandemie suchen Bewohner aufgrund eingeschränkter Mobilität die Erholung verstärkt direkt vor ihrer Haustür, in Parks, auf öffentlichen Grünflächen und in den Community Gardens. Mittlerweile spricht man daher vom "gestressten Grün".

RISE OF COMMUNITY GARDENS

Die Klimaanpassung in den Städten sie, so war man sich bei der Tagung "Klima prägt Stadt" Ende 2020 in Frankfurt einig, nur als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu lösen. Die Community Gardens sind ein gutes Beispiel dafür, wie Stadtbewohner selbst am öffentlichen Grün mitgärtnern. Die Bewegung kam in den Nullerjahren von den USA und Großbritannien in die Metropolen der Welt. Städter machten brachliegende Flächen für kleine Gemeinschafts- und Nachbarschaftsgärten in Eigenregie nutzbar und sahen dies gleichzeitig als soziales Projekt, denn Urban Gardening lebt vom Mitmachen und Voneinander-Lernen. 

Nach der ersten Welle, die in Deutschland etwa in Berlin die Prinzessinnengärten und in Frankfurt den Frankfurter Garten (jetzt: Neuer Frankfurter Garten) hervorgebracht hat, sind diese Initiativen in der Stadtlandschaft mittlerweile fest etabliert. In Frankfurt gibt es über 20 dieser Urban Gardening-Projekte, darunter Tortuga Eschersheim, Essbares Fechenheim oder das Ginnheimer Kirchenplatzgärtchen. Sie alle vereint der Anspruch, sich ein Stück Land und Natur wieder in die Stadt zu holen und Nachhaltigkeit selbst auszutesten und voranzutreiben.

HAPPY BIRTHDAY, PALMENGARTEN!

Das Verhältnis von Stadt und Natur hat sich über die Zeit stark gewandelt. Durch die Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert wurden die Städte zu den heutigen Dichtezentren, aus denen die Natur mit Brachen, Nutzgeräten und Äckern weitestgehend verdrängt wurde. Als die Städte aber immer unwirtlicher und stickiger wurden, auch durch die Abgase der naheliegenden Industrien, schuf man Parks und Grünflächen. Sie entstanden nach den Ideen bekannter Landschaftsgestalter wie Peter Joseph Lenné und orientierten sich stark an dem romantischen Bild einer durchorchestrierten, schönen und harmonischen Landschaft.

In Frankfurt zeugen der Grüneburgpark oder der Günthersburgpark von diesen Ideen. Durch die Kolonialisierung holte man exotische Pflanzen aus fernen Ländern in die heimischen Gefilde und zog Palmen und Kakteen zum Staunen der städtischen Bewohner in Gewächshäusern groß. Der Palmengarten in Frankfurt ist deutschlandwiet eines der prominentesten Beispiele dafür. 2021 feiert der von Heinrich Siesmayer nach englischen und französischen Vorbildern gestaltete Garten sein 150-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass und dem dreißigjährigen Jubiläum des GrünGürtels zeigt das Historische Museum Frankfurt gleich drei Ausstellungen zum Thema "Die Stadt und das Grün - Frankfurter Parks und Grünanlagen im Wandel der Zeit".

Heute befinden wir uns am Beginn einer neuen Phase: Unsere Beziehung zur Natur ist aus dem Gleichgewicht geraten, wenn wir auf den Klimawandel, die schwindende Biodiversität, den Ressourcenraubbau und die Verschmutzung der Meere schauen. Die Covid-19-Pandemie setzt da noch eins drauf. Wir sollten unseren Lebensstil - wenn wir Philosophen wie Bruno Latour ernst nehmen - schnell wieder in Einklang mit der Natur bringen. Im Mikrokosmos Stadt wird die Entwicklung heute schon an Reparatur und Rückbindung an die Natur gemessen.

LOOKS TO SINGAPORE!

Beispiele wie Singapur, Paris oder das Siedlungsprojekt Vauban in Freiburg zeigen, was passiert, wenn Städte konsequent auf mehr Stadtgrün setzen. Singapur ist dabei, die grünste Stadt der Welt zu werden und hat dafür Auflagen und Förderungen geschaffen. Paris hat sich zum Ziel gesetzt, die Stadt nachhaltig umzugestalten und setzt dabei auf mehr Grün, Fahrrad- und Gehwege. Und im Süden Freiburgs hat man mit Vauban vor mehr als 20 Jahren ein ganzheitlich-ökologisches Viertel entwickelt, das sich über dichte Bebauung, kurze Wege, ein durchmischtes Miteinander, viel Grün und innovative Architekturlösungen auszeichnet und das weltweit als Vorreiter für nachhaltige Quartiere gilt.
Und Frankfurt? Seit 2014 trägt unsere Stadt den Namenszusatz "Green City". Wir haben über 300 Parks und Grünanlagen, die erwähnten Community Gardens, viele Umweltinitiativen, und nicht zu vergessen, den wunderschönen Main. Doch auf der Liste der Herausforderungen steht: Frankfurt ist die im Schnitt heißeste Stadt Deutschlands, mit einer hohen Einwohnerdichte und einem hohen Zuzug von jährlich knapp 15.000 Menschen. 97 Prozent der Bäume des Stadtwaldes sind seit den letzten Hitzesommern geschwächt. Immer mehr Grünflächen müssen neuen Wohnungen weichen.

Die Stadt steht im Zugzwang, etwas zu tun. Während man eifrig neue Quartiere plant, wie die so genannte Josefstadt im Nordwesten Richtung A5, die auf die Vernetzung von Landschaft und Stadt, die Gemeinschaft, das Naturerleben und Mitgärtnern unter dem Vorzeichen der Kreislaufwirtschaft setzt, muss man sich auch der bestehenden Infrastruktur widmen. 2017 hat Frankfurt daher das Programm "Frankfurt frischt auf" gestartet, das Fassaden, Hinterhof- und Dachbegrünungen und neuerdings auch Regenwasserauffangsysteme sowie öffentliche Trinkbrunnen mit bis zu 50.000 Euro bezuschusst. Für das Programm, das 2021 zwar endet, aber in anderer Form weiterlaufen soll, gibt die Stadt Frankfurt zwei Millionen Euro pro Jahr aus.

EVERYONE IS A GARDENER

Die Ausstellung "Einfach Grün" im Deutschen Architekturmuseum (DAM) zeigt eine Auswahl dieser Projekte, und weitere mehr aus allen Teilen Deutschlands. Daneben klärt sie ganz pragmatisch auf über die Vorteile von individuellen Fassaden- und Dachbegrünungen und räumt mit Vorurteilen und Hemmnissen auf wie "zu teuer in der Pflege", "macht die Bausubstanz kaputt", "umständliche Genehmigungsverfahren". Daneben zeigt sie nicht nur erfolgreiche Projekte, sondern auch gleich Systeme von Fassadenbegrünungen in den Lichthöfen des Museums, die nun bepflanzt sind. Zudem kann man im DAM sogar Pflanzensäcke für 19 Euro kaufen, die man - befüllt mit Erde und Samen - auf das Flachdach oder eine Innenhoffläche legen kann. Den Rest regelt die Natur von selbst - und das ganz ohne Genehmigung.

Man muss nur ins nahe Darmstadt blicken, um zu sehen, wie Hausbegrünung langfristig funktionieren kann. In den 1970er-Jahren hat hier der Architekt Ot Hoffman, vor dem Hintergrund der langen Tradition Darmstadts in der experimentellen Baukultur, sein Baumhaus unweit des Landesmuseums in der Innenstadt verwirklicht, dessen Pflanzen sich noch heute prächtig über die Geländer wiegen. Hoffmanns Baumhaus war nur ein Beispiel für den gestalterischen Ausdruck der damals neuen Umweltbewegung, die in Terrassenhäuser voller Büsche mündeten oder in künstlerischen Interventionen wie die Verpflanzung von 15 "Baummietern" in Wohnungen von Friedensreich Hundertwasser zur Mailänder Triennale 1973.

GREEN IS NO LUXURY

Heute fällt die grüne Architektur und Stadtentwicklung weitaus weniger idealistisch und philosophisch-spirituell aus. Sie steht im Zeichen von Aspekten wie Klimaanpassung, Teilhabe und Wohlbefinden. Im 2014 fertiggestellten "Bosco Verticale" in Mailand kristallisiert sich der starke Wunsch nach einer grünen und nachhaltigen Stadt in einer völlig neuen Dimension. Der Mailänder Architekt Stefano Boeri und die Landschaftsgestalterin Laura Gatti umsäumten zwei Hochhaustürme mit 80 und 110 Metern mit ausgewachsenen Bäumen und Sträuchern, die zuvor Tests im Windkanal überstehen mussten. Heute ist dieses Projekt Vorreiter und Wahrzeichen einer neuen grünen Architektur.

Derzeit sind über 20 neue "Boschi Verticali" rund um den Globus in Planung - in China der höchste mit 250 Metern Höhe, und in Eindhoven entsteht ein Baumhaus mit Sozialwohnungen. Denn dagegen muss sich diese neue Architektur auch wehren: Sie steht im Ruf, ein Luxus-Hobby zu sein, wenn man auf die Quadratmeterpreise der Wohnungen des Mailänder Turms schaut. In Frankfurt entsteht derzeit das Hochhaus "Eden" mit einer nicht ganz so aufwendigen grünen Fassade am Eingang des Europaviertels und mit einer Höhe von 98 Metern.

SIMPLY GREEN

Ein begrüntes Dach, so rechnet man in der Ausstellung "Einfach Grün" im DAM vor, wird deutlich weniger heiß. Für das Beispiel "City Hall" in Chicago reduziert sich die Hitze dadurch von 70 auf 24 Grad Celsius. Das kommt nicht nur dem direkten Mikroklima in dem Viertel zugute, sondern auch den Klimaanlagen, die dadurch deutlich kühlere Luft ansaugen und weniger Energie verbrauchen.

Ein Beispiel für extensive Dachbegrünung ist das in 2020 fertiggestellte Retail-Gebäude Kö-Bogen II in Düsseldorf des Büros ingenhoven architects. Das Dach ist treppenartig angelegt, mit einer Hainbuchenhecke bepflanzt und öffentlich zugänglich. Der Mehrwert fällt gerade jetzt ins Auge: Während die Läden im Lockdown geschlossen sind, halten sich die Menschen zumindest auf dem begrünten Dach des Gebäudes auf. Schon jetzt machen sich viele Gedanken, wie die Innenstädte nach der Pandemie aussehen, wenn es dort voraussichtlich weitaus weniger Geschäfte geben wird.

Im Grunde kann man sich vor den beschriebenen Hintergründen nur mehr Grün wünschen - offen für alle, abwechslungsreich, identitätsstiftend und als Notwendigkeit, um die Stadt weiterhin lebenswert zu machen.

GREEN FACTS FRANKFURT

220.000 Bäume

sind im Baumkataster des Frankfurter Grünflächenamts eingetragen (Daten sind online zugänglich, auch die Pflanzendaten der Bäume).

40,2 Grad Celsius

ist der hessische Hitzerekord im Juli 2019 in Frankfurt.

 

12,96 Quadratmeter

stehen jedem Frankfurter als Grünfläche zur Verfügung.

 

Mehr als 20 Urban Gardening-Projekte

sind derzeit in Frankfurt angesiedelt.

120 Hausbegrünungs-Projekte

wurden von 2017 bis 2020 im Rahmen von "Frankfurt frischt auf" realisiert.

EXHIBITIONS

Einfach Grün - Greening The City

Das Deutsche Architekturmuseum beleuchtet Vorteile und Herausforderungen der Haus- und Dachbegrünung im Bestand und Neubau (bis 11.07.2021). Die eingereichten Projekte kann man schon auf www.einfach-gruen.jetzt erkunden.

Die Stadt und das Grün

Das historische Museum Frankfurt widmet dem Thema drei Ausstellungen: "Frankfurt Gartenlust" (25.03. - 29.08. 2021), "Umwelt, Klima & Du" (28.03. - 24.10.2021) sowie "Stadtlabor - Gärtnern jetzt!" (28.04. - 10.10.2021).