ART IS POLITICAL

Obwohl seit vielen Jahren Frauen die Mehrheit an deutschen Kunsthochschulen bilden, ist es für Künstlerinnen durchaus schwieriger, sich nach dem Studium auf dem Kunstmarkt und in den Institutionen durchzusetzen. Heike Strelow stellt in ihrer Reihe wieder eine Künstlerin aus dem Rhein-Main-Gebiet vor, der es gelungen ist, sich mit ihrem Werk zu behaupten. Für THE FRANKFURTER sprach die Galeristin diesmal mit der Künstlerin und Fotografin Sandra Mann (* 1970), die im vergangenen Jahr mit der Goetheplakette der Stadt Frankfurt ausgezeichnet wurde.

Sandra, du hast diese besondere Auszeichnung der Stadt Frankfurt erhalten, mit der sie seit 1947 „Dichter, Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler und andere Persönlichkeiten des kulturellen Lebens [...]“ ehrt, „die durch ihr schöpferisches Wirken einer dem Andenken Goethes gewidmeten Ehrung würdig sind“. Schon an sich eine große Ehre, die vor dem Hintergrund, dass noch nicht einmal 20 Prozent Frauen diese Plakette erhalten haben, umso größer erscheint. Zumal es keineswegs so ist, dass der Frauenanteil im 21. Jahrhundert dabei angewachsen ist. Was denkst du ist der Grund, dass es für Frauen im Kulturbereich heute immer noch so viel schwerer ist, in den Fokus der Aufmerksamkeit zu gelangen?

„Es gibt so viele Gründe. 2008 absolvierte ich ein Stipendium in Finnland. Dort arbeiten Frauen ebenso wie Männer. Es gibt staatliche 24-Stunden-Kitas, Frauen müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie arbeiten, es ist gesellschaftlich anerkannt. Vor allem in der Bildung gibt es Geschlechtergleichheit. Im Parlament ist mit 47 Prozent fast die Hälfte der Abgeordneten weiblich. Gleichberechtigung wird aktiv gelebt, so sollte es hier auch sein.

Es gibt keine Grenzen außer jene, die wir mit unseren Gedanken schaffen. Sandra Mann

Wenn man deine Vita anschaut, fällt neben den Ehrungen auf, dass du auf eine große Anzahl von Ausstellungen weltweit zurückschauen kannst. Dabei bist du von Anfang an deinen ganz eigenen Weg gegangen. Was waren dabei die Schlüsselpunkte?

„Schon während des Studiums stellte ich besonders viel und überall aus. 2000, auf dem Festival junger Talente, wurde Jean-Christophe Ammann, damaliger Direktor des MMK, auf eine meiner Arbeiten aufmerksam. Aus dieser Begegnung entstanden viele weitere Arbeiten mit Kunstinstitutionen. 2003 lernte ich in Mexico City den Künstler und Kurator Ichiro Irie kennen. Durch und mit ihm entstanden themengebundene Ausstellungen, mit Kunstschaffenden ebenso wie später mit unseren Studierenden. Diese Freundschaften führten unter anderem zu selbst kuratierten Ausstellungen. Mir geht es immer um Inhalte, die Menschen, erst dann um den Verkauf der Arbeit.

Karrieren von Künstler:innen sind sehr individuell, doch was würdest du jungen Kolleginnen raten, wie sie sich auch nach dem Studium auf dem Markt und in der Kunstwelt etablieren können?

„Das Wichtigste ist, eine Position/Haltung zu finden, die Arbeiten haben immer eine (visuelle) Botschaft. Die Qualität dieser Botschaft definiert den ideellen Wert der Arbeit, der sich schließlich monetär niederschlägt. Überzeugt diese Botschaft nicht, reduziert sich das Werk zu Dekoration. Authentizität ist ein wichtiger Punkt. Wird der eigenen Arbeit ein vermeintliches Thema übergestülpt, ist das sichtbar. Außerdem würde ich raten: ‚Ausstellen, ausstellen, ausstellen‘, Erfahrungen sammeln, reflektieren, Qualitätsbewusstsein, flexibel und lösungsorientiert zu arbeiten. Ein gutes Netzwerk mit der dazu nötigen Disziplin hilft auch, schwierige Zeiten, wie zum Beispiel die der Pandemie, gut zu meistern. Von einer guten Galerie betreut zu werden, mit der nicht nur ein berufliches, sondern auch freundschaftliches Verhältnis besteht, ist eine prima Basis.“

Gendergleichheit und Gleichberechtigung sind auch Themen, die sich neben Fragen zu Umweltschutz oder Nachhaltigkeit in deinen Werken finden. Siehst du dich als politische Künstlerin?

„Grundsätzlich betrachtet, ist die Kunst sogar derart politisch, dass sie als höchst schützenswertes Gut und Grundrecht im Grundgesetz verankert ist. Für mich vertrete ich bestimmte Werte, die sich in meiner Arbeit widerspiegeln oder die ich verfolge. Gerechtigkeit, Wahrnehmung und Liebe sind zentrale Themen. Mittlerweile sind es vor allem die 17 Goals der UN, denen ich mich verpflichtet fühle und die Eingang in meine Werke finden.“

Fotografie ist dein zentrales Medium, ergänzt, erweitert, komplementiert von Rauminstallationen, Skulpturen, Videos, Multimedia-Installationen, künstlerischen Interventionen und Design. Dabei wird deutlich, dass du auch bei der Auswahl deiner künstlerischen Medien die Idee der Entgrenzung verfolgst. Kann man sagen, dass dies ein Thema ist, das sich inhaltlich und formal durch deine Werke zieht?

„Ja, unbedingt. Die Quantenphysik spielt dabei eine tragende Rolle, die mich immer wieder fasziniert. Vereinfacht: Egal ob Stein, Pflanze oder Tier. Teilt man die kleinsten Elemente immer wieder, bleibt am Ende nur Potenzialität übrig, also die Möglichkeit, sich zu etwas zu formieren. Von Grund auf sind demnach alle Dinge dieser Welt gleich. Es gibt keine Grenzen außer jenen, die wir mit unseren Gedanken schaffen.“